Erste-Hilfe-Mythen: 8 Irrtümer, die im Notfall gefährlich sind
Erste-Hilfe-Mythen können am Unfallort wertvolle Zeit kosten. Ich zeige dir, warum du den Helm abnehmen musst und welche …
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Mehrfachverletzte am Unfallort zu versorgen, ist eine der grössten Herausforderungen, die dir als Ersthelfer im Strassenverkehr begegnen kann. Stell dir vor, du kommst auf einer Landstrasse in der Nähe von St.Gallen an eine Karambolage mit drei Autos, und mehrere Personen benötigen dringend Hilfe. In einer solchen Situation, in der es mehr Patienten als Helfer gibt, greifen die normalen Erste-Hilfe-Regeln zu kurz. Du musst priorisieren, delegieren und vor allem einen kühlen Kopf bewahren, bis die professionellen Rettungskräfte eintreffen. Ich zeige dir, wie du in diesem Chaos Struktur schaffst und effektiv Leben rettest.
Der Begriff Mehrfachverletzte beschreibt in der Ersten Hilfe ein Szenario, bei dem die Anzahl der verletzten Personen die Kapazitäten der anwesenden Helfer übersteigt. Du kannst nicht allen gleichzeitig helfen, sondern musst entscheiden, wer deine Hilfe am dringendsten benötigt. Dieser Prozess der Priorisierung wird auch Triage genannt und ist ein zentraler Bestandteil der modernen Rettungsmedizin. Wenn du alleine an eine Unfallstelle mit vier Verletzten kommst, bist du gezwungen, strategisch vorzugehen. Ein Kopfloses Hin- und Herrennen kostet wertvolle Zeit und rettet im schlimmsten Fall niemanden. Es geht darum, mit den begrenzten Mitteln, die dir als Laie zur Verfügung stehen, das grösstmögliche Überleben zu sichern. Das bedeutet auch, dass du leichte Verletzungen wie Schürfwunden oder Prellungen vorerst komplett ignorieren musst, um dich um die lebensbedrohlichen Fälle zu kümmern.
Die paradoxeste, aber wichtigste Regel bei einem Unfall mit mehreren Opfern lautet: Kümmere dich zuerst um die Personen, die keinen Laut von sich geben. Wer vor Schmerz schreit, weint oder flucht, hat freie Atemwege und einen funktionierenden Kreislauf. Diese Person wird in den nächsten Minuten mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht sterben. Die stille Person hingegen, die zusammengesunken im Auto sitzt oder regungslos auf der Strasse liegt, könnte bewusstlos sein, einen Herzstillstand haben oder innerlich verbluten. Hier zählt jede Sekunde. Wenn du einen Herzinfarkt erkennen oder eine Bewusstlosigkeit feststellen musst, ist das bei den ruhigen Patienten am dringlichsten. Prüfe bei ihnen sofort die Atmung. Atmen sie normal, bringst du sie in die stabile Seitenlage. Atmen sie nicht, musst du umgehend mit der Herzdruckmassage beginnen. Lass dich von den Schreien der anderen nicht ablenken – so schwer das emotional auch ist.
Der Ablauf bei einem Unfall mit vielen Verletzten folgt einem strikten Muster, das du niemals abkürzen darfst. Zuerst kommt der Selbstschutz, dann der Überblick, dann der Notruf und erst ganz am Schluss die eigentliche Erste Hilfe. Wenn du diese Reihenfolge einhältst, machst du bereits 90 Prozent der Arbeit richtig.
Schritt eins ist immer das Unfallstelle absichern. Schalte die Warnblinkanlage ein, zieh deine Warnweste an und stelle das Pannendreieck auf (innerorts 50 Meter, ausserorts und auf der Autobahn mindestens 100 bis 150 Meter vor der Unfallstelle). Wenn du selbst überfahren wirst, bist du keine Hilfe mehr, sondern ein weiteres Opfer. Schritt zwei ist der schnelle Überblick: Wie viele Fahrzeuge sind beteiligt? Wie viele Personen sind verletzt? Gibt es besondere Gefahren wie auslaufendes Benzin oder Feuer? Schritt drei ist der Notruf. Wähle die 144 (Sanitätsnotruf) oder die 112 (allgemeiner Notruf) und melde präzise, dass es sich um ein Ereignis mit mehreren Verletzten handelt. Erst in Schritt vier beginnst du mit der Triage und der Ersten Hilfe bei den stillen Patienten.
Das Konzept, Verletzte nach der Schwere ihrer Wunden zu sortieren, ist keine Erfindung der modernen Fahrschule, sondern hat tiefe historische Wurzeln. Der Begriff Triage stammt vom französischen Wort «trier» ab, was «sortieren» oder «auslesen» bedeutet. Entwickelt wurde dieses System massgeblich von Dominique Jean Larrey, dem Chefchirurgen von Napoleon Bonaparte, im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Larrey erkannte auf den Schlachtfeldern, dass die medizinische Versorgung völlig ineffizient war, wenn Ärzte wahllos den Patienten halfen, die ihnen am nächsten lagen, oder jenen, die den höchsten militärischen Rang hatten. Er führte die Regel ein, dass ausschliesslich die Schwere der Verletzung und die Überlebenschance darüber entscheiden, wer zuerst behandelt wird – unabhängig von Rang und Namen.
Dieses Prinzip der systematischen Priorisierung rettete Tausenden das Leben und wurde später in die zivile Rettungsmedizin übernommen. Heute, am 14. September 2026, ist das Triage-System weltweit der absolute Standard bei Grossschadensereignissen, Naturkatastrophen und eben auch bei schweren Verkehrsunfällen. Für dich als Ersthelfer bedeutet dieses historische Erbe, dass du dich auf ein System verlassen kannst, das sich seit über 200 Jahren in den extremsten Situationen bewährt hat. Du musst das Rad nicht neu erfinden, sondern lediglich die grundlegenden Prioritäten anwenden.
Professionelle Rettungskräfte nutzen ein farbcodiertes System, um Patienten bei einem Massenanfall von Verletzten zu kategorisieren. Auch wenn du als Laie keine farbigen Bändchen verteilst, hilft dir dieses gedankliche Raster enorm, um am Unfallort die richtigen Entscheidungen zu treffen.
| Kategorie (Farbe) | Bedeutung | Beispiele für Verletzungen | Deine Aufgabe als Ersthelfer |
|---|---|---|---|
| Rot (Kategorie 1) | Akute, unmittelbare Lebensgefahr. Sofortige Behandlung zwingend nötig. | Atemstillstand, starke arterielle Blutungen, tiefe Bewusstlosigkeit. | Hier musst du sofort handeln. Herzdruckmassage, Druckverband anlegen, Atemwege freimachen. |
| Gelb (Kategorie 2) | Schwer verletzt, aber aktuell nicht in unmittelbarer Lebensgefahr. | Schwere Knochenbrüche, tiefe Schnittwunden ohne spritzendes Blut. | Beobachten. Wenn die roten Patienten versorgt sind, kümmerst du dich um diese Gruppe. |
| Grün (Kategorie 3) | Leicht verletzt. Die Person kann meist noch selbstständig gehen. | Schürfwunden, leichte Prellungen, Schockzustand (aber ansprechbar). | Diese Personen bittest du, sich an einen sicheren Ort (z.B. hinter die Leitplanke) zu setzen und zu warten. |
| Schwarz (Kategorie 4) | Verstorben oder Verletzungen, die mit den Mitteln vor Ort nicht überlebbar sind. | Keine Atmung trotz Reanimation über längere Zeit, massive tödliche Verletzungen. | Als Laie reanimierst du, bis die Profis kommen. Die Einstufung «Schwarz» übernimmt in der Regel erst der Notarzt. |
Ein Unfall mit mehreren Opfern ist eine absolute Ausnahmesituation. Du bist nicht Superman und musst nicht alles alleine schaffen. Einer der wichtigsten Skills, die du in einem Nothelferkurs online buchen und lernen kannst, ist das Delegieren. Wenn andere Autofahrer anhalten oder Passanten gaffend am Strassenrand stehen, binde sie aktiv ein. Sprich die Leute nicht pauschal an («Kann mal jemand helfen?»), sondern direkt und bestimmt: «Sie da in der blauen Jacke, rufen Sie sofort die 144 an und sagen Sie mir, was die Leitstelle gesagt hat!» oder «Du mit dem roten Cap, komm her und drücke fest auf diese blutende Wunde!»
Menschen in solchen Stresssituationen verfallen oft in eine Schockstarre. Sie wollen helfen, wissen aber nicht wie. Wenn du klare, einfache Befehle erteilst, sind die meisten sehr dankbar und funktionieren hervorragend. So vervielfachst du deine Kapazitäten. Während ein Passant Erste Hilfe bei einem Sturz oder einer blutenden Wunde leistet, kannst du dich um die Person kümmern, die reanimiert werden muss. Vergiss dabei nie deinen eigenen Schutz. Trage immer Handschuhe aus deiner Notfallapotheke, um dich vor Infektionen zu schützen, und betrete keine ungesicherten Fahrbahnen. Offizielle Richtlinien zum Verhalten bei Unfällen findest du auch beim Bundesamt für Strassen ASTRA oder in den Ratgebern auf ch.ch.
Wenn die Sanität, die Polizei und die Feuerwehr eintreffen, übergeben die Ersthelfer die Verantwortung an die Profis. Das ist der Moment, in dem das Adrenalin in deinem Körper abfällt und oft das grosse Zittern beginnt. Es ist völlig normal, dass du nach einem solchen Erlebnis weinst, zitterst oder dich leer fühlst. Du hast gerade Aussergewöhnliches geleistet. Bleibe am Unfallort, bis die Polizei deine Personalien aufgenommen hat – du bist ein wichtiger Zeuge.
Sprich in den Tagen danach über das Erlebte. Friss die Bilder nicht in dich hinein. Wenn du merkst, dass du nachts nicht schlafen kannst oder die Bilder des Unfalls immer wieder hochkommen, scheue dich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Organisationen wie der Schweizerische Samariterbund bieten nicht nur Kurse an, sondern wissen auch, an wen sich traumatisierte Ersthelfer wenden können. Du hast Zivilcourage bewiesen – achte nun auch auf deine eigene seelische Gesundheit.
Grundsätzlich solltest du Verletzte am Unfallort möglichst nicht bewegen, um mögliche Wirbelsäulenverletzungen nicht zu verschlimmern. Es gibt jedoch zwei grosse Ausnahmen: Erstens, wenn akute Lebensgefahr durch Feuer, Ertrinken oder nachfolgenden Verkehr besteht (Rettungsgriff). Zweitens, wenn die Person bewusstlos ist und nicht normal atmet – dann musst du sie für die Reanimation auf einen harten Untergrund rücken.
Wenn du völlig auf dich allein gestellt bist, sicherst du die Unfallstelle, wählst sofort die 144 und machst dann den Ruf-Test. Wer antwortet oder schreit, atmet. Gehe zu den Personen, die still sind. Wenn zwei Personen reanimiert werden müssten, du aber alleine bist, musst du dich leider für eine entscheiden und bei dieser die Herzdruckmassage durchführen, bis die Rettungskräfte eintreffen.
In der Schweiz ist die 144 der direkte Sanitätsnotruf. Du landest sofort bei medizinischem Fachpersonal, das dir auch telefonisch bei der Reanimation helfen kann. Die 112 ist der allgemeine europäische Notruf. Er funktioniert auch ohne SIM-Karte oder bei gesperrtem Handy und verbindet dich mit der Notrufzentrale, die dich dann entsprechend weiterleitet. Beide Nummern sind am Unfallort richtig.
Nein, in der Schweiz bist du als Ersthelfer rechtlich geschützt. Das Gesetz verlangt von dir lediglich, dass du im Rahmen deiner Möglichkeiten und Zumutbarkeit hilfst (Art. 128 StGB, Unterlassung der Nothilfe). Solange du nach bestem Wissen und Gewissen handelst, musst du keine rechtlichen Konsequenzen fürchten – auch nicht, wenn deine Triage-Entscheidung im Nachhinein vielleicht nicht perfekt war. Gar nicht zu helfen, ist der einzige Fehler, den du machen kannst.
Die beste Vorbereitung ist ein aktueller Nothelferkurs. Auch wenn du deinen Führerausweis schon lange hast, lohnt sich ein Auffrischungskurs alle paar Jahre enorm. Zudem solltest du immer eine gut ausgestattete Notfallapotheke, mehrere Paar Einweghandschuhe, eine Warnweste für jeden Insassen und ein funktionierendes Pannendreieck im Auto griffbereit haben.